Nach der jüngsten Vermögensbefragung der Bundesbank besitzen die reichsten zehn Prozent der Haushalte in Deutschland 56 Prozent des gesamten Nettovermögens. Diese Zahl wird zitiert, wann immer über Vermögensverteilung gestritten wird.
In derselben Veröffentlichung steht eine Fußnote. Sie besagt, dass dieser Anteil unterschätzt ist.
Was eine Befragung nicht erreicht
Die Bundesbank erklärt den Grund selbst: Ihre Studie soll vermögende Haushalte in der Stichprobe sogar überrepräsentieren, und das gelinge im Allgemeinen. Doch wie in den meisten vergleichbaren Befragungen fehlten auch hier die sehr vermögenden Haushalte.
Das ist kein Versäumnis, sondern eine Eigenschaft des Verfahrens. Eine Befragung zieht Haushalte nach dem Zufall. Menschen mit mehreren hundert Millionen Euro Vermögen sind so selten, dass sie in einer Stichprobe von einigen tausend Haushalten kaum vorkommen.
Die Europäische Zentralbank formuliert es in ihrer Methodenbeschreibung knapp: Reiche Haushalte seien in Umfragen schwer zu erfassen. Für ihre Verteilungsrechnung schätzt sie diese Gruppe deshalb zusätzlich, unter anderem mit Angaben aus Medienquellen.
Was sich ändert, wenn man sie sucht
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat 2020 versucht, die Lücke zu schließen. Es zog eine Sonderstichprobe aus Personen, die nennenswerte Anteile an Unternehmen halten — weil sehr große Vermögen fast immer zum Teil aus Unternehmensbeteiligungen bestehen. So kamen 1.956 vermögende Haushalte in die Befragung. Dazu nahm das Institut die Liste der 700 reichsten Deutschen des Manager Magazins.
Das Ergebnis: Das reichste Prozent besitzt nicht knapp 22 Prozent des Nettovermögens, wie bis dahin ausgewiesen, sondern rund 35 Prozent. Die reichsten zehn Prozent kommen auf rund 67 Prozent.
Die Bundesbank verweist in ihrer Fußnote auf genau diese Studie.
Die Spitze ist geschätzt, nicht gemessen
Damit ist die Lage ungewöhnlich. Über die untere Hälfte der Verteilung wissen wir vergleichsweise viel, über die Mitte recht viel. Über den Teil, der den größten Anteil des Vermögens hält, wissen wir am wenigsten — und dort werden die Zahlen ergänzt, geschätzt und aus Ranglisten übernommen, die Journalisten zusammenstellen.
Der Politökonom Benjamin Braun hat nach Erscheinen der EZB-Daten auf eine weitere Grenze hingewiesen: Die oberste Gruppe, die dort ausgewiesen wird, sind die reichsten zehn Prozent. Über das, was ganz oben geschieht, lasse sich daraus so gut wie nichts lernen.
Was hier nicht behauptet wird
Nicht, dass die Bundesbank ihre Zahl falsch ausweist. Sie benennt die Untererfassung offen und argumentiert, dass die Werte über die Jahre vergleichbar bleiben, solange die Lücke ähnlich groß ist. Für die Frage, ob Ungleichheit steigt oder sinkt, ist das ein vertretbarer Ansatz. Für die Frage, wie hoch sie ist, nicht.
Nicht, dass die DIW-Zahlen exakt sind. Auch sie beruhen auf Hochrechnungen und einer journalistischen Rangliste. Sie sind näher an der Spitze, nicht an ihr.
Nicht, dass beide Zahlen direkt vergleichbar sind. Die Bundesbank rechnet mit Haushalten, das DIW mit Personen, und die Datenjahre unterscheiden sich. Die Richtung ist eindeutig, die genaue Differenz nicht.
Nicht, dass Deutschland hier eine Ausnahme wäre. Das Problem betrifft Vermögensbefragungen überall. Es ist nur selten Teil der Debatte, in der ihre Ergebnisse verwendet werden.
Warum das hierher gehört
Diese Seite hat mehrfach beschrieben, wie eine fehlende Zahl eine Debatte formt. Hier fehlt sie an der wichtigsten Stelle: Wer darüber streitet, ob Vermögen in Deutschland zu ungleich verteilt ist, streitet über einen Wert, dessen oberster Teil nicht erhoben, sondern ergänzt wird.
Die folgenden Teile dieser Reihe fragen, was an der anderen Seite der Verteilung fehlt, welche Rolle das Wohneigentum spielt — und wie große Vermögen weitergegeben werden.
Vermögen in Europa — eine Reihe in vier Teilen
- Was die Umfrage nicht findet
- Das Vermögen, das nicht zählt
- Wer zur Miete wohnt
- Große Erbschaften, kleiner Satz