Das mittlere Haushaltsvermögen lag in Deutschland 2021 bei 106.600 Euro. In Italien lag es 2020 bei 150.800 Euro, in Spanien bei 122.000 Euro. Die Vermögen sind in Deutschland zudem ungleicher verteilt: Der Gini-Koeffizient beträgt nach Angaben der Bundesbank 73 Prozent, in Italien 68 und in Portugal 66.
Daraus wird gern ein Satz: Die Deutschen seien ärmer als die Südeuropäer. Der Satz ist nicht falsch. Er lässt nur etwas weg, das in Deutschland einen großen Teil des Vermögens ausmacht und in keiner dieser Zahlen vorkommt.
Was als Vermögen gilt
In Vermögensbefragungen zählt, was man verkaufen, beleihen oder vererben kann: Immobilien, Konten, Wertpapiere, Unternehmensanteile, abzüglich Schulden.
Nicht dazu zählt der Anspruch auf eine gesetzliche Rente oder eine Beamtenpension. Er lässt sich nicht verkaufen und nicht vererben. Er sichert aber das Alter — genau das, wofür in anderen Ländern privat gespart wird.
Was sich ändert, wenn man ihn mitrechnet
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat 2023 berechnet, wie die Verteilung aussieht, wenn Renten- und Pensionsansprüche als Vermögen gezählt werden. Datenjahr ist 2017.
Der Anteil der ärmeren Hälfte am Gesamtvermögen steigt dann von zwei auf neun Prozent. Der Anteil des reichsten Prozents sinkt von 30 auf 20 Prozent. In der unteren Hälfte machen Rentenansprüche 70 Prozent des erweiterten Vermögens aus, bei den reichsten zehn Prozent nur 27.
Das Institut der deutschen Wirtschaft kam 2021 auf dasselbe Ergebnis. Nach seiner Rechnung sinkt der Gini-Koeffizient um rund 0,2 Punkte auf etwa 0,6. Mieter hatten 2017 im Durchschnitt rund 32.000 Euro Nettovermögen im klassischen Sinn — mit Rentenansprüchen knapp viermal so viel.
Bemerkenswert ist weniger die Zahl als der Absender. Das IW wird von Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbänden finanziert, das DIW steht in Verteilungsfragen meist auf der anderen Seite. Beide kommen zum selben Befund.
Was trotzdem bleibt
Der Befund entlastet nicht vollständig, und beide Institute sagen das.
Auch mit Rentenansprüchen bleibt die Konzentration hoch. Ein Gini von 0,6 ist eine ungleiche Verteilung. Und das DIW warnt ausdrücklich: Reformen, die das Rentenniveau senken oder nur stabilisieren, treffen direkt das Vermögen genau der Gruppen, deren Anteil durch die Rente erst sichtbar wird. Der dämpfende Effekt ist also kein fester Bestand, sondern hängt an politischen Entscheidungen über das Rentenniveau.
Darin liegt der eigentliche Punkt. Wer über Rentenkürzungen verhandelt, verhandelt nach dieser Rechnung auch über die Vermögensverteilung — nur wird es selten so genannt.
Was hier nicht behauptet wird
Nicht, dass ein Rentenanspruch dasselbe ist wie Eigentum. Er ist nicht verfügbar, nicht beleihbar und nicht vererbbar, und er kann per Gesetz verändert werden. Ob man ihn als Vermögen zählen sollte, ist eine berechtigte Streitfrage.
Nicht, dass die Südeuropa-Vergleiche dadurch hinfällig würden. Auch Italien und Spanien haben öffentliche Rentensysteme. Ein vollständiger Vergleich müsste dort ebenfalls Ansprüche einrechnen, und diese Rechnung liegt mir nicht vor.
Nicht, dass die Zahlen aktuell sind. Die erweiterte Rechnung beruht auf 2017. Seither sind Immobilienpreise und Rentenniveau in Bewegung geraten.
Nicht, dass die Länderdaten gleichzeitig erhoben wurden. Die deutschen Werte stammen aus 2021, die italienischen und spanischen aus 2020.
Warum das hierher gehört
Der erste Teil dieser Reihe zeigte, dass an der Spitze der Verteilung Vermögen fehlt, das keine Befragung erreicht. Dieser Teil zeigt, dass am anderen Ende etwas fehlt, das keine Befragung als Vermögen zählt.
Beides verschiebt dieselbe Zahl in entgegengesetzte Richtungen. Die gemessene Ungleichheit liegt also nicht zwischen einem zu niedrigen und einem zu hohen Wert, sondern an einer Stelle, die von zwei Definitionsentscheidungen abhängt.
Vermögen in Europa — eine Reihe in vier Teilen
- Was die Umfrage nicht findet
- Das Vermögen, das nicht zählt
- Wer zur Miete wohnt
- Große Erbschaften, kleiner Satz