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Der Hang in Kachin

China verschärfte seine Umweltauflagen, und der Abbau schwerer Seltener Erden wanderte über die Grenze nach Myanmar — in ein Bürgerkriegsgebiet. Der Schaden fällt draußen an, die Wertschöpfung drinnen. Teil 2 einer vierteiligen Reihe.

Der Abbau funktioniert so: In einen lehmigen Hang werden Chemikalien eingeleitet. Die Lösung sickert durch das Gestein, nimmt die Seltenen Erden auf und läuft in Sammelbecken am Fuß des Hangs. Dort wird sie eingedickt und mit Lastwagen über die Grenze nach China gefahren.

Der Hang steht in Kachin, im Norden Myanmars. Satellitenaufnahmen zeigen dort tausende solcher Becken an hunderten Stellen.

Warum dort

Nicht wegen der Geologie. China hat vergleichbare Vorkommen.

Seit Anfang der 2010er Jahre hat Peking seine Umweltauflagen verschärft. 2016 legte die Provinz Jiangxi einen Großteil ihres Abbaus schwerer Seltener Erden still — das Kernstück der chinesischen Produktion. Die Gewinnung wanderte daraufhin über die Grenze, in ein Gebiet, in dem die jeweils herrschende bewaffnete Gruppe kaum Umweltauflagen durchsetzte.

Die Zahlen zeichnen die Verlagerung nach. Myanmars Ausfuhren wuchsen von rund 1,5 Millionen Dollar im Jahr 2014 auf etwa 780 Millionen im Jahr 2021. Die International Crisis Group hat die Abbauflächen per Fernerkundung vermessen: 1.622 Hektar im Jahr 2018, 3.565 Hektar im Jahr 2025.

Die Crisis Group fasst das Ergebnis in einem Satz zusammen, der die ganze Anordnung beschreibt: Die Auslagerung des Abbaus nach Myanmar bewirke, dass der Umweltschaden außerhalb Chinas Grenzen anfalle, während Peking die Kontrolle über Verarbeitung, Raffination und Fertigung behalte.

Das ist der eigentliche Vorgang. Nicht ein Monopol, das entstanden ist, sondern eine Arbeitsteilung, die hergestellt wurde: der schmutzige Schritt draußen, der wertvolle drinnen.

Wer die Minen hält

Ende 2024 hat die Kachin Independence Organisation, eine der ältesten und stärksten bewaffneten Gruppen des Landes, das Hauptabbaugebiet überrannt. Die Einnahmen fließen seither ihr zu und nicht mehr den Verbänden der Junta.

China schloss daraufhin die Grenze — für die Einfuhr der Erden ebenso wie für die Ausfuhr des Ammoniumsulfats, ohne das nicht gelaugt werden kann. Der Abbau kam fast zum Erliegen.

Es hielt nicht. Peking ließ 2025 wieder einen verringerten Fluss zu und öffnete den Handel Ende Oktober vollständig.

Der aufschlussreichste Teil steht daneben. Zwei andere bewaffnete Gruppen an derselben Grenze, die MNDAA und die TNLA, wurden von China in Waffenstillstände mit der Junta gezwungen. Auf die KIO wurde deutlich weniger Druck ausgeübt — nach Einschätzung der Crisis Group zumindest teilweise deshalb, weil sie einen strategischen Rohstoff liefert.

Wer über Seltene Erden als chinesisches Druckmittel spricht, sollte diesen Vorgang kennen. An seinem Anfang steht eine Guerilla, die dasselbe Mittel gegen Peking eingesetzt hat.

Was flussabwärts ankommt

Weiter südlich, im Shan-Staat, sind kleinere Minen entstanden, kontrolliert von der United Wa State Army und ihren Verbündeten. Die betroffene Fläche hat sich von 2024 auf 2025 verdreifacht.

Die Laugung belastet Zuflüsse des Mekong. Thailändische Behörden haben in Flüssen aus Myanmar anhaltende Arsenbelastung gemessen; Schadstoffe wurden auch in Laos nachgewiesen.

Wofür

Für Elektroautos und Windräder — die Magnete stecken in über 95 Prozent aller E-Fahrzeuge. Deutschland war 2024 der größte Abnehmer solcher Bauteile aus China.

Und inzwischen für etwas anderes. Die Crisis Group verweist auf den Krieg zwischen den USA, Israel und Iran im Jahr 2026: Abwehrraketen und Präzisionsmunition wurden in großer Zahl verbraucht, und ihre Lenksysteme brauchen dieselben schweren Seltenen Erden. Die Bestände wieder aufzufüllen wird Jahre dauern.

Energiewende und Wiederaufrüstung greifen damit auf denselben Hang zu.

Was hier nicht behauptet wird

Nicht, dass die KIO die bessere Bergbauaufsicht führte. Belegt ist der Wechsel der Kontrolle und der Einnahmen, nicht eine Verbesserung der Bedingungen. Die Flächen wachsen weiter.

Nicht, dass Europa hier eine Wahl hätte, die es nicht nutzt. Eine kurzfristige Alternative für schwere Seltene Erden gibt es nicht. Genau das ist der Befund, nicht sein Gegenteil.

Nicht, dass die Verlagerung geplant war. Dass Umweltauflagen in China verschärft wurden und die Gewinnung daraufhin auswanderte, ist belegt. Dass dies der Zweck der Auflagen gewesen sei, ist es nicht.

Nicht, dass die Zahlen präzise sind. Ausfuhrwerte aus einem Bürgerkriegsgebiet und Flächen aus Satellitenbildern sind Näherungen. Die Größenordnung ist belastbar, die Nachkommastelle nicht.

Warum das hierher gehört

Sechzig, einundneunzig, vierundneunzig, der erste Teil dieser Reihe, zeigte, dass die Debatte über Seltene Erden den falschen Schritt der Kette betrachtet. Dieser Teil zeigt, was am Anfang der Kette steht.

Der Umweltschaden ist nicht verschwunden, als China seine Auflagen verschärfte. Er ist umgezogen — dorthin, wo niemand ihn erhebt und wo der Staat, in dessen Grenzen er anfällt, seit 1948 Krieg führt.


Seltene Erden — eine Reihe in vier Teilen

  1. Sechzig, einundneunzig, vierundneunzig
  2. Der Hang in Kachin
  3. Was erst in zehn Jahren anfällt
  4. Ob das Gerät die Magnete braucht

Quellen — 04

  1. 01Rare Earths — Outsourcing the Green Transition and Rearmament Imperative (10. September 2026): Laugungsverfahren, Verlagerung nach dem Jiangxi-Stopp 2016, Ausfuhren 1,5 Millionen (2014) auf 780 Millionen Dollar (2021), Abbaufläche 1.622 auf 3.565 Hektar, Übernahme durch die KIO, Grenzschließung und Wiederöffnung, Arsen in thailändischen FlüssenInternational Crisis Group · crisisgroup.org
  2. 02Seltene Erden: Warum Europa auf Myanmar angewiesen ist (29. April 2025) — Johanna Sydow; Anteil Myanmars an Dysprosium und Terbium, Deutschland 2024 größter Abnehmer der Bauteile aus ChinaHeinrich-Böll-Stiftung · boell.de
  3. 03Bürgerkrieg in Myanmar gefährdet Versorgung mit Seltenen ErdenGermany Trade and Invest · gtai.de
  4. 04Myanmar: Kachin rebels halt rare earth exports after China closes border to pressure peace talksBusiness & Human Rights Resource Centre · business-humanrights.org