Im Fachblatt der US-amerikanischen Vermögensberatung, dem Investments & Wealth Review, ist ein Aufsatz erschienen, der eine Annahme aufkündigt, von der diese Branche lebt. Seine Kernaussage: Unendliches Wachstum auf einem endlichen Planeten ist keine Strategie. Wer Portfolios baue, müsse aufhören, damit zu rechnen.
Geschrieben hat ihn Noel Pacarro Brown, Vermögensberaterin bei Morgan Stanley und stellvertretende Vorsitzende für Standards beim Investments & Wealth Institute. Also nicht jemand am Rand, sondern jemand, der die Regeln des Fachs mitformuliert.
Was in dem Text steht
Die Moderne Portfoliotheorie, seit Markowitz 1952 die Grundlage fast jeder Anlageberatung, setze ständiges Wachstum voraus, dazu verlässlichen Zugang zu Rohstoffen, Arbeitskraft und stabilen Welthandel. Diese Voraussetzung halte der Wirklichkeit nicht mehr stand.
An die Stelle der Renditemaximierung tritt ein Portfolio aus fünf Schichten, geordnet nicht nach Anlageklassen, sondern nach Funktion: Liquidität in mehreren Währungen, um Schocks ohne Notverkäufe zu überstehen (20 bis 35 Prozent); Sachwerte wie Gold, Ackerland, Waldflächen, Wasser- und Mineralrechte (20 bis 30 Prozent); verlässliche Einnahmen aus Versorgung, Gesundheit, Nahrung (20 bis 30 Prozent); ein kleiner Teil für Innovation (10 bis 20 Prozent); und Absicherungen, die im Zusammenbruch gewinnen (5 bis 15 Prozent).
Dazu kommen Regeln: keine Anlageklasse über 30 Prozent, kein Rechtsraum über 40 Prozent, keine Kredite, die auf Anschlussfinanzierung angewiesen sind. Renditeerwartungen von acht bis zehn Prozent hält die Autorin für nicht mehr realistisch. Erfolg definiert sie um: die reale Kaufkraft halten, katastrophale Verluste vermeiden, über Jahrzehnte beweglich bleiben.
Eine Einordnung am Rande: Der Aufsatz stützt sich auf Gaya Herringtons Abgleich des World3-Modells mit realen Daten und gibt ihn an einer Stelle falsch wieder. Am nächsten an den beobachteten Daten lagen dort die Szenarien BAU2 und CT — letzteres das Szenario umfassender Technologie, nicht der Zusammenbruch. Die Arbeit trägt die Warnung, aber weniger dramatisch, als der Text sie referiert.
Die Stelle, auf die es ankommt
Unter den Gestaltungsprinzipien steht eines, das die Ungleichheit betrifft. Der Markt steige, während die Mehrheit der Weltbevölkerung wirtschaftlichen Gegenwind habe. Diese K-förmige Entwicklung solle ein Portfolio einkalkulieren. An anderer Stelle nennt der Text Klimakrisen und Ungleichheit ausdrücklich als systemische Risiken, die man modellieren könne.
Das ist bemerkenswert nüchtern, und es ist der Punkt, an dem der Aufsatz für diese Seite interessant wird.
Die Ungleichheit erscheint hier nicht als Zustand, der sich ändern ließe, sondern als Größe, mit der zu rechnen ist. Sie wird zum Parameter im Risikomodell.
Was daraus folgt
Man kann der Autorin daraus keinen Vorwurf machen. Ihre Aufgabe ist die treuhänderische Verwaltung fremden Vermögens, nicht die Gesellschaftspolitik. Interessant ist nicht ein Widerspruch, sondern eine Arbeitsteilung: Die Diagnose wird öffentlich gestellt, die Konsequenz privat gezogen.
Denn die Mittel, die dieser Aufsatz empfiehlt, setzen voraus, was sie schützen sollen. Liquidität in mehreren Währungen, Ackerland, Wald, Edelmetalle, Absicherungen gegen Extremereignisse, Streuung über Rechtsräume — all das lässt sich nur kaufen, wenn erhebliches Vermögen vorhanden ist. Wer von einem Gehalt lebt, kann sein Risiko nicht über vier Länder streuen.
Damit entsteht eine Verteilung, die der dritte Absatz des Manifests beschreibt, nur an einer neuen Stelle. Nicht der Wohlstand wird ungleich verteilt, sondern der Schutz davor, ihn zu verlieren. Widerstandsfähigkeit wird zu einem Gut, das man erwerben kann.
Daran hängt eine Folgerung, die dieser Beitrag als Vermutung kennzeichnet, nicht als Befund: Wenn sich Schutz kaufen lässt, sinkt bei denen, die ihn sich leisten können, der Druck, gemeinsame Lösungen zu suchen. Das ist kein Vorwurf an Einzelne, sondern eine Aussage über Anreize. Wer abgesichert ist, verhandelt anders.
Was bleibt
Die gute Nachricht steht am Anfang. Die Annahme unbegrenzten Wachstums wird nicht mehr nur von außen bestritten, sondern von innen aufgegeben, in einem Fachblatt für Vermögensverwaltung, mit Zahlen und Prozentsätzen.
Die offene Frage steht am Ende. Eine Gesellschaft, in der Vorsorge gegen den Zusammenbruch ein Anlageprodukt ist, hat das Problem nicht gelöst. Sie hat es aufgeteilt.