Die Kriegsschäden an den Anlagen ukrainischer Unternehmen betragen nach Schätzung des ukrainischen Ministeriums für Wirtschaft und Umwelt 4 bis 10 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Der Versicherungs- und Rückversicherungsmarkt des Landes kann davon 1 bis 1,5 Milliarden tragen.
In besonders gefährdeten Regionen und Branchen gibt es teils überhaupt keine Deckung. Wer dort ein Lager baut, baut es unversichert.
Der geplante Fonds
Das Ministerium arbeitet deshalb an einem Sonderfonds für Kriegsschäden mit einem Zielvolumen von 3 bis 4 Milliarden Dollar: etwa 1 Milliarde aus Staatsmitteln, 2 bis 3 Milliarden von internationalen Partnern. Beteiligt sind nach Angaben des Ministeriums unter anderem die Weltbank und die britische Regierung.
Der Mechanismus heißt First Loss: Der Staat übernimmt die erste Schadensschicht bis zu einer festgelegten Grenze, darüber kann privat versichert werden. Vorgesehen sind bis zu 10 Millionen Dollar Entschädigung je juristischer Person, ein Eigenbeitrag von 2 Prozent der gewählten Deckungssumme und eine Auszahlung binnen 30 Tagen, verlängerbar auf 60. Verwalten soll das Programm die Exportkreditagentur, Start ist Januar 2027, vorbehaltlich der Rechtsgrundlagen.
Das ist eine nachvollziehbare Konstruktion. Ohne Versicherbarkeit gibt es keine Investition, und ohne Investition keinen Wiederaufbau.
Der Satz zur Finanzierung
In der Mitteilung vom 18. September 2026 steht, woher der staatliche Anteil kommen soll: aus Einnahmen der „vorgeschlagenen Erhöhung des allgemeinen Mehrwertsteuersatzes um 1 Prozentpunkt".
Damit wird aus einer Versicherungsfrage eine Verteilungsfrage.
Die Mehrwertsteuer wird auf Konsum erhoben. Haushalte mit niedrigem Einkommen geben einen größeren Teil ihres Einkommens für Konsum aus als Haushalte mit hohem — sie tragen von einer Mehrwertsteuererhöhung anteilig mehr. Das Risiko, gegen das der Fonds versichert, liegt dagegen bei den Eigentümern von Anlagevermögen.
Ein Fonds, der Sachanlagen von Unternehmen deckt und aus einer Verbrauchsteuer finanziert wird, verlagert also ein Eigentumsrisiko auf den Konsum. In einem Land unter Angriff mag das die einzige verfügbare Steuerbasis sein. Es bleibt eine Umverteilung, und sie wird nicht als solche verhandelt.
Warum es dringend ist
Der Zusammenhang mit der Ernte ist unmittelbar. Für die Saison 2026/27 werden 84,18 Millionen Tonnen Getreide und Ölsaaten erwartet, bei einer verbliebenen wirksamen Lagerkapazität von 58,97 Millionen Tonnen. FAO und Agrarministerium rechnen bis November 2026 mit einer Lücke von bis zu 11 Millionen Tonnen.
Gleichzeitig stockt die Ausfuhr. Zwischen dem 1. und 26. August exportierte die Ukraine nach Angaben von Agrarminister Taras Vysotskyi 1,423 Millionen Tonnen Agrarprodukte, etwa ein Drittel des möglichen Volumens; beim Getreide allein waren es 822.000 Tonnen oder rund 21 Prozent. Je rund 600.000 Tonnen liefen über Bahn und Donauhäfen, nur etwa 80.000 Tonnen über die Straße.
Lagern kostet also Geld, Nichtlagern kostet die Ernte — und beides braucht Anlagen, die niemand versichern will.
Was hier nicht behauptet wird
Nicht, dass die Mehrwertsteuererhöhung beschlossen ist. Das Ministerium nennt sie ausdrücklich als vorgeschlagen. Ob sie kommt, entscheidet das Parlament.
Nicht, dass ein Prozentpunkt Mehrwertsteuer den Fonds trägt. Wie viel er einbringt, steht in der Mitteilung nicht, und ich habe es nicht berechnet. Der staatliche Anteil ist mit rund einer Milliarde Dollar angegeben, das Ministerium nennt die Steuer als eine Quelle unter anderen.
Nicht, dass die Verteilungswirkung der Mehrwertsteuer für die Ukraine gemessen wäre. Dass Verbrauchsteuern niedrige Einkommen anteilig stärker belasten, ist ein allgemeiner Befund der Finanzwissenschaft, keine Messung an ukrainischen Daten.
Nicht, dass der Fonds deshalb falsch wäre. Die Alternative ist keine Versicherung — und damit kein Lager, kein Silo, keine Werkshalle. Der Einwand richtet sich gegen die Stille über die Finanzierung, nicht gegen den Fonds.
Warum das hierher gehört
Diese Seite hat mehrfach Entscheidungen beschrieben, die Verteilungswirkung haben und unter anderem Namen getroffen werden — Wohnungspolitik als Vermögenspolitik, Rentenniveau als Vermögensfrage.
Hier ist es eine Versicherungsreform. Sie steht in einer Mitteilung des Wirtschaftsministeriums, ihre Finanzierung in einem Nebensatz.