Am 12. Juni 2026 verfügte das Bureau of Industry and Security des US-Handelsministeriums, dass zwei Modelle von Anthropic für jede ausländische Person weltweit nicht mehr zugänglich sein dürfen — auch nicht für ausländische Beschäftigte des Unternehmens in den Vereinigten Staaten selbst.
Anthropic erklärte, eine Sperre allein für ausländische Personen sei kurzfristig technisch nicht umsetzbar, und schaltete die Modelle am 16. Juni für alle Nutzer weltweit ab. Zwei Wochen später, am 26. Juni, nahm Handelsminister Lutnick bestimmte „trusted partners" samt deren ausländischen Beschäftigten von der Lizenzpflicht aus.
Vier Tage von der Verfügung bis zur Abschaltung. Das ist die Geschwindigkeit, mit der die Grundlage einer Geschäftstätigkeit verschwinden kann.
Der Plan B
In Europa gilt als Ausweichlösung, auf offene Modellgewichte aus China zurückzugreifen, wenn amerikanische Modelle nicht verfügbar oder zu teuer sind. Der Abstand ist gering: Nach Einschätzungen, die das Center for Strategic and International Studies zusammenfasst, liegen offene Modelle nur vier bis sechs Monate hinter den besten geschlossenen.
Auch diese Tür wird gerade geprüft. Die Financial Times berichtete am 21. Juli 2026, dass chinesische Behörden Exportkontrollen für KI-Modelle erwägen und dazu mit Alibaba, ByteDance und Zhipu beraten. Strittig sind zwei Punkte: der Transfer von Trainingsdaten ins Ausland und die Frage, ob ausländische Nutzer die Modellgewichte weiterhin frei herunterladen dürfen. Der Zugang über Programmierschnittstellen soll bleiben.
Damit stehen beide Wege unter derselben Bedingung. Sie funktionieren, solange zwei Regierungen es zulassen.
Was ein Plan B eigentlich ist
Ein Ausweichplan soll gegen den Ausfall einer Abhängigkeit schützen. Er taugt nur, wenn er nicht von derselben Sorte Entscheidung abhängt wie der Hauptweg.
Genau das ist hier nicht der Fall. Der Hauptweg endet in Washington, der Ausweichweg in Peking. Beide können durch eine Verwaltungsanordnung geschlossen werden, gegen die ein europäisches Unternehmen keinen Rechtsweg hat. Es ist nicht Partei des Verfahrens, sondern Gegenstand.
Die Größenordnung zeigt, warum sich das kaum ändern lässt. Rechenzentren verbrauchten 2024 nach Angaben der Internationalen Energieagentur 415 Terawattstunden Strom, rund 1,5 Prozent des Weltverbrauchs. Davon entfielen 45 Prozent auf die USA, 25 Prozent auf China und 15 Prozent auf Europa. Wer den Zugang verwaltet, verwaltet ihn dort, wo die Anlagen stehen.
Was daraus nicht folgt
Der naheliegende Schluss wäre, schnell noch Vorsprung aufzubauen, solange der Zugang besteht. Dieser Rat wird gegeben, und er ist verständlich. Er beschreibt aber ein Verhalten, das die Abhängigkeit vergrößert: Wer Verfahren auf ein Modell aufbaut, das ihm entzogen werden kann, hat danach mehr zu verlieren, nicht weniger.
Der Fall vom Juni zeigt, was dann passiert. Betroffen waren nicht Unternehmen, die zu wenig genutzt hatten, sondern jene, die das abgeschaltete Modell eingesetzt hatten.
Was hier nicht behauptet wird
Nicht, dass Europa messbar an chinesischen Modellen hängt. Belastbare Zahlen zur Verbreitung offener chinesischer Modelle in europäischen Unternehmen habe ich nicht gefunden. Der CSIS-Text, der die strategische Lage beschreibt, nennt keine.
Nicht, dass China die Kontrollen beschlossen hätte. Sie werden erwogen. Bereits verbreitete Modelle bleiben im Umlauf; eine Beschränkung träfe künftige Spitzenmodelle.
Nicht, dass die USA den Zugang allgemein gesperrt hätten. Die Anordnung betraf zwei benannte Modelle eines Anbieters und wurde teilweise zurückgenommen. Sie zeigt eine Möglichkeit, keine Regel.
Nicht, dass europäische Modelle die Lücke füllen könnten. Was Mistral oder andere leisten, habe ich für diesen Beitrag nicht geprüft.
Zur Offenlegung: Die abgeschalteten Modelle stammen von Anthropic. Der Entwurf dieses Textes ist mit einem Modell desselben Herstellers entstanden.
Warum das hierher gehört
Eine Bremse, die jemandem gehört beschrieb, dass es in China eine Bremse für KI-Unternehmen gibt und im Westen keine. Der Juni 2026 zeigt die andere Seite derselben Sache: Wo ein Staat eine Bremse hält, kann er sie auch gegen Dritte betätigen, die nie Partei waren.
Für europäische Unternehmen heißt das: Der Zugang zu leistungsfähigen Modellen ist keine Markt-, sondern eine Genehmigungsfrage. Und über die Genehmigung entscheidet keine europäische Stelle.