Philipp Fess hat bei Telepolis an zwei aufeinanderfolgenden Tagen über den Ausbau der Rechenzentren in Deutschland geschrieben. Nebeneinandergelegt enthalten die beiden Texte einen Widerspruch, den keiner von beiden ausspricht.
Was gebaut werden soll
Der Branchenverband Bitkom zählte im November 2025 rund 2.000 Rechenzentren in Deutschland mit zusammen 2.980 Megawatt Anschlussleistung, neun Prozent mehr als im Jahr davor. Bis 2030 sollen daraus 5.000 Megawatt werden, ein Zuwachs von 70 Prozent. Der auf KI spezialisierte Teil wächst dabei am stärksten: von 530 auf 2.020 Megawatt, von 15 auf 40 Prozent der Gesamtkapazität.
Die Nationale Rechenzentrumsstrategie der Bundesregierung geht darüber hinaus und spricht von einer Verdopplung.
Zur Einordnung der Größenordnung: Die USA verfügten 2024 über 48 Gigawatt, das Sechzehnfache des deutschen Bestands. China über 38.
Was das Netz dazu sagt
In Demmin in Mecklenburg-Vorpommern war ein Rechenzentrum mit rund 300 Megawatt geplant, über eine Milliarde Euro Investition, bis zu 1.250 Arbeitsplätze. Das Projekt ist geplatzt. Nicht an einem Protest, nicht an einem Genehmigungsverfahren, sondern am Netzanschluss: Der Betreiber konnte die Kapazität nicht rechtzeitig bereitstellen.
Das ist der erste Absatz des Manifests als Einzelfall. Der Plan wurde nicht durch ein Argument gestoppt, sondern durch eine physikalische Größe.
Und Demmin steht nicht allein. In Berlin und Frankfurt sind keine Netzanschlüsse mehr zu bekommen — weder für Rechenzentren noch für anderes Gewerbe. Anschlussleistung ist ein endliches Gut, und es wird gerade vergeben, still und der Reihe nach.
Was niemand weiß
Hier liegt die eigentliche Geschichte.
Das Energieeffizienzgesetz verpflichtet Betreiber, ihren Verbrauch an ein nationales Rechenzentrumsregister zu melden. Bis zum 6. Juli 2026 waren für das Berichtsjahr 2025 genau 482 Meldungen eingegangen — bei geschätzt rund 1.000 meldepflichtigen Anlagen. Weniger als die Hälfte.
Die belastbarste öffentlich verfügbare Zahl zum Stromverbrauch deutscher Rechenzentren, 21,3 Milliarden Kilowattstunden für 2025, stammt deshalb nicht aus dem staatlichen Register. Sie stammt vom Branchenverband.
Ihre eigenen Ausbauziele will die Bundesregierung erst 2029 überprüfen.
Was der Ausbau energetisch bedeutet, lässt sich derweil nur global beziffern. Das Öko-Institut rechnete im Mai 2025 damit, dass sich der weltweite Strombedarf der Rechenzentren bis 2030 auf rund 1.400 Milliarden Kilowattstunden etwa verdoppelt, wobei der KI-Anteil von 50 auf 550 Milliarden steigt — aufs Elffache. Das Institut hält dabei ausdrücklich fest, dass Rechenzentren in den kommenden Jahren weiter auf Erdgas und Kohle angewiesen sein werden.
Warum das hierher gehört
Der Vorgang gehört in den ersten Strang dieser Seite, und zwar genau in dessen Wortlaut: endliche Größen treffen auf eine Planung, die unbegrenztes Wachstum voraussetzt. Anschlussleistung ist endlich. Wasser ist endlich. Der Plan ist es nicht.
Der schärfere Punkt ist aber methodisch, und er führt den letzten Eintrag hier fort. Dort stand, dass ein Szenario, das sich nicht überprüfen lässt, keine Erkenntnis ist, sondern eine Stimmung. Für einen Staat gilt dasselbe.
Eine Regierung, die eine Verdopplung plant, während ihr eigenes Messinstrument zur Hälfte leer bleibt, trifft keine falsche Entscheidung. Sie trifft eine Entscheidung, die niemand bewerten kann — sie selbst eingeschlossen. Die Überprüfung im Jahr 2029 wird gegen eine Datenlage geführt werden, die es nicht gibt.
Das ist keine Prognose. Das ist eine Rechenaufgabe über die Gegenwart.
Man muss nicht gegen Rechenzentren sein, um zu verlangen, dass zuerst der Zähler abgelesen wird. Die Reihenfolge ist der ganze Streit.