Zum Inhalt springen

Nachhaltigkeit3 Min

Null Komma fünf Prozent

In 834 von 845 europäischen Städten ist die hitzebedingte Sterblichkeit gestiegen. Von den Klimaprojekten, die dieselben Städte melden, betreffen 0,5 Prozent die Gesundheitsversorgung. Das ist kein Vorwurf — es ist eine fehlende Rechengröße.

Am 9. September 2026 erschien im Lancet Public Health der erste systematische Satz von Klima- und Gesundheitsindikatoren für europäische Städte. 58 Forschende aus 31 Instituten, 28 Indikatoren, 845 Städte in 30 Ländern.

Der Befund zur Hitze ist eindeutig. Verglichen wurden die Jahre 1991 bis 2000 mit 2015 bis 2024, für Menschen ab zwanzig. In 834 der 845 Städte ist die hitzebedingte Sterblichkeit gestiegen, im Mittel um 82 Todesfälle je Million Einwohner und Jahr. Das Konfidenzintervall reicht von 63 bis 100. Im Süden Europas sind es 132, im Osten 98.

Derselbe Bericht enthält eine zweite Zahl, und erst zusammen ergeben sie etwas.

Woran Städte arbeiten

Für 2024 hat das Team erhoben, wofür europäische Städte zusätzliche Mittel für Klimaprojekte anmeldeten. Genannt wurden Verkehr (16,4 Prozent), Gebäude (14,3 Prozent) und erneuerbare Energien (13,6 Prozent).

Und dann steht dort dieser Satz:

Only 0·5% of adaptation and mitigation projects reported by the cities directly addressed health systems and services.

Ein halbes Prozent. Bei knapp einem Drittel der befragten Städte stehen finanzielle und technische Hürden der Umsetzung überhaupt im Weg.

Warum das kein Vorwurf ist

Der naheliegende Schluss wäre, dass Städte die Gesundheit ihrer Bewohner ignorieren. Er wäre falsch, und der Bericht selbst widerlegt ihn.

Ein Radweg im Schatten ist eine Gesundheitsmaßnahme. Eine gedämmte Fassade ist eine Gesundheitsmaßnahme. Der Bericht rechnet vor, dass eine größere Blattfläche im Sommer in 88 Prozent der europäischen Städte mit einer niedrigeren Oberflächentemperatur einhergeht, und dass der Wohnsektor 38 Prozent der städtischen Feinstaub-Sterblichkeit verursacht. Wer Gebäude saniert, senkt beides.

Verkehr, Gebäude und Energie sind also durchaus die richtigen Posten. Nur werden sie nicht als Gesundheitsausgaben geführt — und deshalb weiß niemand, ob sie dort ankommen, wo die Toten gezählt werden.

Zwei Bücher, keine gemeinsame Einheit

Hier liegt der eigentliche Befund, und er ist methodisch.

Der Bericht misst in Todesfällen je Million. Die Städte planen in Sektoren: so viel Prozent Verkehr, so viel Prozent Gebäude. Zwischen beiden gibt es keine Umrechnung. Man kann einer Stadt nicht ansehen, ob ihre Mittel dorthin fließen, wo ihre Hitzetoten anfallen, weil die beiden Größen in verschiedenen Büchern stehen und kein Wechselkurs existiert.

Die 0,5 Prozent sind deshalb kein Beleg für Gleichgültigkeit. Sie sind ein Beleg dafür, dass Gesundheit in der Buchführung der Anpassung als Kategorie nicht vorkommt. Was nicht als Posten existiert, kann nicht zu wenig sein — und auch nicht zu viel. Es lässt sich schlicht nicht prüfen.

Dazu passt der letzte Indikator des Berichts: Das politische Engagement an der Schnittstelle von Klima und Gesundheit blieb von 2020 bis 2024 gering. In den Zeitungen war es umgekehrt — knapp ein Viertel der Klimaartikel behandelte zwischen 2023 und 2025 Gesundheitsfragen auf städtischer Ebene. Das Thema ist in der Öffentlichkeit angekommen und im Haushaltsplan nicht.

Was hier nicht behauptet wird

Es ist eine Selbstauskunft. Gezählt wurden Projekte, die Städte selbst gemeldet haben. Wer nicht meldet, taucht nicht auf, und eine Maßnahme kann der Gesundheit dienen, ohne so benannt zu werden — das ist ja gerade der Punkt.

„Gesundheitssysteme und -dienste" ist eng gefasst. Gemeint sind Kliniken, Rettungsdienste, Warnsysteme. Der weit größere Teil gesundheitlicher Wirkung entsteht anderswo, und der wird von dieser Zahl nicht erfasst.

Aus dem Nebeneinander folgt keine Ursache. Dass die Sterblichkeit steigt und der Gesundheitsposten klein ist, beweist keinen Zusammenhang zwischen beidem. Es beweist, dass man ihn nicht prüfen kann.

Warum das hierher gehört

Dieser Strang handelt von der Lücke zwischen Zielen und Umsetzung. Meist ist damit gemeint, dass ein Ziel beschlossen und dann nicht erreicht wird.

Hier ist die Lücke anderer Art, und sie ist schwerer zu schließen. Das Ziel ist beschrieben, der Schaden ist gemessen, in 845 Städten, mit Konfidenzintervall. Die Umsetzung läuft ebenfalls — Städte bauen, dämmen, pflanzen. Was fehlt, ist die Verbindung: eine Einheit, in der sich sagen ließe, ob das eine dem anderen entspricht.

Eine frühere Notiz hier beschrieb einen Staat, der eine Verdopplung plant, während sein Messregister halb leer bleibt. Der Fall hier ist der umgekehrte und beunruhigt mehr. Gemessen wird sorgfältig. Nur bleibt die Messung ohne Adresse.

Achtundzwanzig Indikatoren sagen präzise, woran Menschen in europäischen Städten sterben. Kein einziger sagt, ob das Geld dorthin geht.

Quellen — 03

  1. 01The 2026 Europe Cities Report of the Lancet Countdown on health and climate change (9. September 2026, Open Access) — Chen-Xu, Kriit, Semenza, Heiliger, Markandya, Dasandi u. a.The Lancet Public Health · doi.org
  2. 02Lancet Countdown in Europe — 2026 ReportLancet Countdown · lancetcountdown.org
  3. 03Wie der Klimawandel Europas Stadtbewohnern zu schaffen macht (10. September 2026)heise online · heise.de