Zum Inhalt springen

Ressourcen4 Min

Messen und Entscheiden II: Die Senke, mit der wir rechnen

Land und Ozean nehmen etwa die Hälfte unserer CO₂-Emissionen auf. Der Planetary Health Check 2026 fragt, ob die Modelle überschätzen, wie lange diese Fähigkeit unter wachsendem Druck erhalten bleibt. In Deutschland hat der Wald das Vorzeichen bereits gewechselt.

Teil eins dieser Serie handelte davon, wie bessere Daten und korrigierte Auswertungen die Bewertung planetarer Grenzen verändern. Der zweite Teil nimmt eine Größe in den Blick, von der unsere Klimapfade abhängen: die Fähigkeit von Pflanzen und Böden, Kohlendioxid aufzunehmen.

Der Planetary Health Check 2026 stellt dazu eine unbequeme Frage: Überschätzen unsere Modelle, wie lange diese Fähigkeit unter wachsendem Druck erhalten bleibt?

Was die Natur bislang abfängt

Land und Ozean nehmen einen erheblichen Teil unserer CO₂-Emissionen auf. Das Global Carbon Budget 2025 beziffert ihren Anteil für 2015 bis 2024 auf zusammen etwa die Hälfte: rund 29 Prozent entfielen auf den Ozean, rund 21 Prozent auf die Landsenke. Bei Letzterer werden die direkten Emissionen aus Landnutzungsänderungen separat bilanziert.

Diese Aufnahme verschafft uns Spielraum. Ihre künftige Stärke hängt jedoch von Bedingungen ab, die wir selbst verändern.

Schwächer heißt nicht verschwunden

Der Bericht beschreibt die globale Kohlenstoffaufnahme an Land, ohne direkte Landnutzungsänderungen, seit etwa 2000 als vergleichsweise stagnierend. Das ist etwas anderes als ein kontinuierlicher Rückgang. Es bedeutet aber auch: Wir können nicht selbstverständlich damit rechnen, dass die Aufnahme weiter wächst.

Eine zweite Aussage betrifft den Einfluss des Klimas. Nach den Modellanalysen des Global Carbon Budget verringerten Klimawandel und Klimavariabilität die Landsenke im Mittel der Jahre 2015 bis 2024 um etwa 25 Prozent, die Ozeansenke um rund sieben Prozent – jeweils gegenüber den entsprechenden Berechnungen ohne diese Klimaeffekte. Das sind keine Rückgänge gegenüber dem vorangegangenen Jahrzehnt.

Der Unterschied ist wichtig. Eine Senke kann weiterhin CO₂ aufnehmen und zugleich deutlich weniger leisten, als sie unter anderen Bedingungen leisten würde.

Auch die Bilanz wird korrigiert

Zum Anschluss an Teil eins gehört eine weitere Einschränkung: Der niedrigere Landanteil und der höhere Ozeananteil gegenüber früheren Budgetausgaben beruhen teilweise auf methodischen Korrekturen. Aus dem Vergleich zweier Berichtsausgaben lässt sich deshalb nicht unmittelbar eine ökologische Veränderung ablesen.

Daneben stehen Hinweise auf reale Schwankungen. 2024 nahm die atmosphärische CO₂-Konzentration um rund 3,7 ppm zu – ein Rekordanstieg, wesentlich geprägt durch die El-Niño-Bedingungen und die geschwächte Landsenke. Ein einzelnes Extremjahr belegt allerdings noch keinen dauerhaften Trend.

Wir müssen drei Dinge auseinanderhalten: Was verändert sich in den Ökosystemen? Was schwankt von Jahr zu Jahr? Und was erkennen wir durch eine bessere Auswertung neu?

Deutschland zeigt, was ein Vorzeichenwechsel bedeutet

Wie konkret der Verlust einer Senke werden kann, zeigen die deutschen Wälder.

Nach der aktuellen Bilanz des Umweltbundesamtes banden sie zwischen 1991 und 2017 im Durchschnitt jährlich rund 54 Millionen Tonnen CO₂ netto. Für 2024 weist die Waldkategorie dagegen Nettoemissionen von rund 2,1 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten aus. Die Trockenheit seit 2018 und das Absterben von Bäumen haben die Bilanz erheblich verschlechtert. Die jüngste Bundeswaldinventur erfasste die entsprechenden Veränderungen der Biomasse.

Die deutsche Waldkategorie und die globale Landsenke sind unterschiedlich abgegrenzt. Das Beispiel lässt sich daher nicht einfach hochrechnen. Es zeigt aber, dass eine langjährige Aufnahmeleistung verloren gehen kann.

Eine Senke, mit der gerechnet wurde, steht dann nicht mehr zur Verfügung.

Wo Modelle zu optimistisch sein können

Erdsystemmodelle müssen die Vielfalt wirklicher Ökosysteme vereinfachen. Wenige Pflanzentypen vertreten große Gebiete. Dabei können Unterschiede in Alter, Artenzusammensetzung, lokaler Anpassung und Erholungsfähigkeit verloren gehen.

Genau dort setzt die Kritik des Berichts an: Modellierte Vegetation kann geeignete Lebensräume leichter besiedeln und sich nach Störungen schneller erholen als reale Bestände. In der Wirklichkeit braucht es Samenquellen, geeignete Böden und Zeit. Wiederholte Dürren können diese Erholung unterbrechen.

Auch fehlende Prozesse, die Widerstandsfähigkeit stärken, können Modelle verzerren. Der Bericht formuliert deshalb eine konkrete Sorge, kein pauschales Urteil: Manche Modelle könnten Ökosysteme als anpassungsfähiger und leichter regenerierbar darstellen, als sie tatsächlich sind.

Für die Klimaplanung ist diese Möglichkeit entscheidend. Ein Modell kann heutige großräumige Muster gut wiedergeben und dennoch überschätzen, wie belastbar die Prozesse dahinter unter künftigem Stress bleiben.

Ein verwandter Punkt betrifft den Kohlenstoff, der durch den Düngeeffekt zusätzlich in Biomasse und Böden gelangt ist. Die zusätzliche Speicherung hilft dem Klima. Ihr Nutzen hängt auch davon ab, wie dauerhaft der Kohlenstoff gebunden bleibt.

Der entscheidende Punkt

Die globale Landsenke muss nicht vollständig verschwinden, damit sich unsere Lage verschlechtert. Nimmt sie weniger CO₂ auf als erwartet, verbleibt bei gleichen Emissionen mehr davon in der Atmosphäre.

Ebenso wenig beweist eine weiterhin positive Aufnahmebilanz, dass die Ökosysteme gesund sind. Eine Bilanz zeigt das Verhältnis von Aufnahme und Verlust. Wie widerstandsfähig die Systeme sind, die diese Aufnahme ermöglichen, ist eine weitere Frage.

Was daraus folgt

Die globale Landsenke lässt sich nicht an einem einzigen Messgerät ablesen. Ihre Abschätzung verbindet Beobachtungen, Modelle und die Bilanzierung des Kohlenstoffkreislaufs. Wer mit ihrer künftigen Leistung plant, übernimmt damit auch Annahmen über das Verhalten lebender Systeme.

Diese Annahmen müssen sichtbar sein: Wie viel Aufnahme setzt ein Klimapfad voraus? Wie empfindlich reagiert er, wenn sie geringer ausfällt? Und wie schützen wir die Ökosysteme, deren Leistung bereits eingeplant ist?

Wer einen Klimapfad beurteilt, muss auch seine Annahmen über natürliche Senken prüfen. Entscheidend ist, wie belastbar der Pfad bleibt, wenn diese weniger aufnehmen als erwartet.

Der dritte Teil führt zum Meeresboden – und zur Frage, wie wir Risiken behandeln, für die im Rahmen der planetaren Grenzen bislang keine eigene Kontrollvariable definiert ist.

Quellen — 03

  1. 01Planetary Health Check 2026, S. 41 und 43–44 (21. September 2026)PBScience / Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung · publications.pik-potsdam.de
  2. 02Global Carbon Budget 2025 (Earth System Science Data, Band 18, S. 3211)Friedlingstein et al., Global Carbon Project · essd.copernicus.org
  3. 03Emissionen der Landnutzung, Landnutzungsänderung und Forstwirtschaft in Deutschland (Stand 2. Juli 2026)Umweltbundesamt · umweltbundesamt.de