Die Zahl, um die gestritten wird, lautet 2,6.
So oft häufiger tauchen Ausländer in der Polizeilichen Kriminalstatistik als Tatverdächtige auf als Deutsche, gemessen an der jeweiligen Bevölkerung: 4.788 gegen 1.813 je 100.000 Einwohner für 2025. Die eine Seite hält das für den Beweis. Die andere hält es für eine Verzerrung. Beide reden über dieselbe Zahl, und beide wissen, dass sie mehrere Dinge zugleich misst.
Was selten jemand sagt: Wie viel nach Abzug aller bekannten Verzerrungen übrig bleibt, hat niemand beziffert.
Was die Statistik enthält
Die PKS ist kein Maß für Kriminalität. Sie ist ein Tätigkeitsbericht der Polizei. Erfasst wird, was angezeigt oder bei Kontrollen entdeckt wird — das Hellfeld. Was nicht angezeigt wird, steht nicht darin.
Und sie zählt Tatverdächtige, nicht Verurteilte. Ein Anfangsverdacht genügt. Die meisten erfassten Fälle führen weder zu Anklage noch zu Urteil.
Wer aus der PKS abliest, wie viele Ausländer Straftaten begangen haben, liest etwas, das nicht darin steht. Sie sagt, gegen wie viele ein Verdacht aktenkundig wurde.
Vier Abzüge, die sich beziffern lassen
Das Anzeigeverhalten. Bei einem Gewaltdelikt mit nichtdeutschem Tatverdächtigen wird in 22,4 Prozent der Fälle Anzeige erstattet, bei deutschem Tatverdächtigen in 7,9 Prozent. Fast das Dreifache. Derselbe Vorgang landet also unterschiedlich oft in der Akte, je nachdem, wer ihn begangen hat.
Der Wohnsitz. 2023 hatten 19,5 Prozent der ausländischen Tatverdächtigen ihren Wohnsitz im Ausland, bei weiteren 7,5 Prozent war er unbekannt. Gut ein Viertel gehört also gar nicht zu der Bevölkerung, durch die gerechnet wird. Der Nenner stimmt nicht.
Alter und Geschlecht. Junge Männer zwischen 15 und 30 begehen in praktisch jeder Gesellschaft und jeder Epoche überdurchschnittlich viele Straftaten. Die ausländische Bevölkerung in Deutschland ist im Schnitt jünger und männlicher. Der Kriminologe Christian Walburg beziffert, wie viel davon abgeht, wenn man beides herausrechnet: 25 bis 30 Prozent der Differenz.
Die soziale Lage. Das ifo-Institut hat die PKS für die Jahre 2018 bis 2023 nach Landkreisen ausgewertet. Ergebnis: Zwischen dem regionalen Ausländeranteil und der örtlichen Kriminalitätsrate besteht kein statistischer Zusammenhang. Wo mehr Ausländer wohnen, gibt es nicht mehr Kriminalität. Sie wohnen häufiger dort, wo sie ohnehin höher liegt — auch unter Deutschen.
Der Rest
Nach all dem bleibt etwas übrig. Das ist der Satz, den die eine Seite überliest und die andere ungern ausspricht.
Der Mediendienst Integration, der die Verzerrungen sorgfältig auflistet, hält am Ende fest: Nach Kontrolle der genannten Faktoren bleibt ein Unterschied bestehen. Beziffert wird er nicht.
Und das ist keine Nachlässigkeit. Um ihn zu beziffern, bräuchte man Daten, die niemand erhebt: Dunkelfeldbefragungen, groß genug für die Aufschlüsselung, mit Kontrolle über Alter, Geschlecht, Aufenthaltsstatus, Einkommen, Wohnlage und Anzeigebereitschaft zugleich. Solche Erhebungen gibt es in Ansätzen, nicht in der Auflösung, die die Frage verlangt.
Die Folge ist eine Debatte über eine Größe, deren Wert niemand kennt.
Warum das niemanden stört
Hier liegt der eigentliche Befund.
Für die eine Seite ist der Rest alles. Sie braucht ihn nicht beziffert, denn die unbereinigte 2,6 steht ja im Amtsblatt und wirkt besser. Jede Bereinigung erscheint als Beschönigung.
Für die andere Seite ist der Rest nichts. Sie braucht ihn ebenfalls nicht beziffert, denn eine Zahl könnte größer ausfallen als erhofft. Die Aufzählung der Verzerrungen endet deshalb regelmäßig, bevor die Frage gestellt wird, was danach noch da ist.
Beide Lager haben dasselbe Interesse an derselben Leerstelle. Das ist selten und deshalb bemerkenswert: Der strittigste Punkt der Debatte ist der einzige, an dessen Klärung keine Partei gelegen ist.
Was hier nicht behauptet wird
Nicht, dass der Rest groß wäre. Die Belege zeigen, dass er kleiner ist als die rohe Differenz — um wie viel, steht nicht fest. Wer ihn für erheblich hält, behauptet ebenso viel wie der, der ihn für null hält.
Nicht, dass die Verzerrungen Erfindungen wären. Anzeigeverhalten, Wohnsitz, Altersaufbau und Wohnlage sind gemessen, nicht geschätzt. Das BKA weist auf mehrere davon selbst hin.
Nicht, dass die PKS wertlos wäre. Als Tätigkeitsbericht der Polizei ist sie aussagekräftig. Untauglich ist sie nur für die Frage, die ihr gestellt wird.
Warum das hierher gehört
Dieser Strang fragt, wer im Inneren entscheidet, was nicht entschieden wird.
Hier wird eine Frage nicht entschieden, weil ihre Klärung niemandem nützt. Es gibt keinen Beschluss, sie offenzulassen, und keine Stelle, die es verhindert. Es gibt nur zwei Lager, die sich einig sind, dass die Antwort riskanter wäre als die Behauptung.
Eine frühere Notiz hier beschrieb einen Landtag, der vier Monate vor einer Wahl seine Verfassung änderte, weil er das Ergebnis kommen sah. Der Fall hier ist leiser und in seiner Wirkung vielleicht größer: Er entscheidet mit, wie diese Wahlen ausgehen.
Die Statistik wird jedes Jahr im April vorgestellt. Die Zahl, die tatsächlich strittig ist, steht nicht darin — und wird auch nicht erhoben.